Protokoll einer Karnevalsveranstaltung in Berlin
Wir Rheinländer sind von Natur aus ja eher introvertiert, grübeln viel, und neigen zum Intellektuellentum. Nur ab und zu, aber wirklich selten, tauscht man seinen grünen Tee gegen ein Reagenzglas ein, aus dem homöopathische Mengen Kölsch getrunken werden...
von Peter Simons, Berlin
(Den "offiziellen" Bericht zu "Loss mer singe" findet ihr hier)
Lautes Gelächter in der Öffentlichkeit gilt als verpönt, denn es stört am Nachbartisch die Diskussion über Hegel. Wer im Rheinland eine Gaststätte betritt und beispielsweise laut »Moin« oder »Grüß Gott« in den Raum ruft, dem wird höchstens ein mißbilligendes »Pssscht!« entgegenzischen, und dann konzentrieren sich alle wieder auf die Lektüre der aktuellen Ausgabe der ZEIT.
Nur ab und zu, aber wirklich selten, tauscht man seinen grünen Tee gegen ein Reagenzglas ein, aus dem homöopathische Mengen Kölsch getrunken werden, und amüsiert sich -- aber bitte mit kulturellem Anspruch. So geschehen am 06.02.04 in der »Ständigen Vertretung« in Berlin: Unter dem Motto »Loss Mer Singe« wurde zu einem experimentellen Liederabend geladen, dessen Ziel es war, die Kneipenhits der Session 2004 zu ermitteln. Und zwar durch lautes Mitsingen.
Hier das Protokoll der Veranstaltung, chronologisch geordnet:
0 Kölsch
Es ist total überfüllt in dem komischen Laden, nix als Gedrängel, Gerempel, schlechte Luft, und heiß ist es auch. Hierherzukommen war eine dumme Idee. Wäre mein Kumpel Sascha nicht extra aus Bonn angereist, ich ginge direkt wieder nach Hause. Naja, machen wir das beste draus, trinken zwei, drei Bier und hauen wieder ab.
immer noch 0 Kölsch
Mein Gott, sind die denn alle bekloppt hier? Mit 10 KpM (Kölsch pro Minute) sollte die Barkraft vielleicht erstmal eine Ausbildung an der Früh-Hochschule absolvieren, bevor man sie zum Einsatz bringt. Wenn das in dem Tempo weitergeht, werden wir alle verdursten.
2 Kölsch
Sascha hat die Lösung der Biernachschubsfrage entdeckt: Einfach direkt einen Kranz holen.
5 Kölsch
Der erste Titel ist von »Brings« und hat den Refrain:
"Poppen, Kaate, Danze,
dat kannste, dat kannste."
Karneval ist echt das letzte. Daß erwachsene Menschen sie so einen Quatsch anhören können ist mir ein Rätsel. Was MACHE ich hier?
6 Kölsch
"Paveier" singt:
"Drieß drop, et es wie et es
Spaß hann am Levve kann uns keiner nemme"
Viel besser ist der Song auch nicht. Gut, irgendwie ist die simplistische Botschaft schon nett, und die Melodie war okay. Aber deswegen jetzt laut mitzugröhlen, wie die Besoffenen da drüben, ist echt unter meinem Niveau.
Wie, ich bin dran mit Bierholen? Ist der Kranz schon wieder leer?
7 Kölsch
Mist, Mist, Mist, jetzt habe ich durch das blöde Bierholen zwei volle Titel praktisch verpaßt. Wie soll ich denn am Ende kompetent abstimmen?
10 Kölsch
_Der_ Song war wirklich total gut. Eine Mischung aus Reggae und Karnevalsmusik, sehr gut gelungen. Der Text ging:
"Drei - Dreimol Alaaf! Kölle Alaaf!
Kölsche Mädche, Sunnesching,
sujet jit et nur bei uns am Rhing"
Und da haben die Herren von »Kleeblatt« auch völlig recht. Zuhause ist es wirklich am besten. Wo gibt es denn diese Zettel mit den Texten?
11 Kölsch
Hihi, der nächste Titel ist von einer Mädchen-Band. Ein Karnevalslied von einer MAEDCHEN-Band, um Himmels Willen!!! Was verstehen Frauen denn vom Karneval? Singen die über Tampons oder was? »Männerbäckerei« heißt der Song, und dem Moderator ist das alles sichtlich peinlich:
"In d'r Männerbäckerei, in d'r Männerbäckerei
ston die Mädche in d'r Schlang
un wolle ne Mann jebacke han."
Er versucht die aufgebrachte Masse zu beruhigen und verweist darauf, daß sich die Frauen unseren Driss ja auch anhörten, jetzt können wir uns auch mal ihren Driss anhören. Das sehe ich aber völlig anders. Karneval, das ist KULTUR, das sind jahrhundertealte Brauchtümer, die es zu pflegen und zu bewahren gilt. Da ist kein Platz für so neumodischen Kram wie Frauen, die Musik machen. Ne, ne, ne! Das ist ganz falsch. Auf den Schreck brauche ich erstmal nen Bier.
12 Kölsch
Siehste? _Das_ ist ein Karnevalslied, so was können nur Männer schreiben und performen:
"Nix em Büggel, äver all joot drop,
nix em Büggel, äver all joot drop.
Ruude Nas, jeck im Kopp,
nix em Büggel, äver all joot drop."
Der weltoffene und lebensbejahende Text ist eingängig, enthält eine positive Botschaft, und außerdem kann man das suuuper mitsingen.
Ist ja eigentlich eine Schande, daß ich mal wieder nicht verkleidet gekommen bin ...
14 Kölsch
Der Hammer: Sascha hat rote Stoffnasen zum Aufsetzen dabei! Hihi. Gut, daß die Eskimos so was nicht haben, die begrüßen sich doch durch Reiben der Nasen, und dann fiele ihnen die dauernd runter. Gaul, mach doch mal Fotos! Und gib direkt noch ein Kölsch.
16 Kölsch
10 Titel sind schon um!!!! Der ganze Abend ist ja schon wieder halb vorbei. Wahnsinn, wie die Zeit immer rennt, wenn's lustig ist.
17 Kölsch
Su lang mer noch am Lääve sin, am Laache, Krieche, Danze sin, su lang -- mer noch am Läve sin. Su lang mer noch am Lääve sin, am Laache, Krieche, Danze sin, su lang -- mer noch am Läve sin. Su lang mer noch am Lääve sin, am Laache, Krieche, Danze sin, su lang ... MER NOCH AM LÄÄVE SIN.
18 Kölsch
Da kommt nur noch ein Knaller nach dem anderen. Mann, die zweite Hälfte ist noch besser als die erste! Karneval ist TOTAL GEIL. So einen schönen Brauch gibt es nur im Rheinland. Wir wissen halt, wie man richtig feiert. Der Rheinländer an sich ist überhaupt generell sehr nett.
21 Kölsch
Sind ja ne ganze Menge hübscher Mädchen hier, heute Abend.
22 Kölsch
Oh weh. Jetzt wird abgestimmt, welcher Titel gewonnen hat, und ich fand die fast alle gut. Wie soll man sich denn da entscheiden? Was stimmen denn die anderen? Hey cool, Kugelschreiber von Gaffel. Da kann ich direkt mal einen Ottifanten auf das Plakat von Germanwings malen, das da hängt.
23 Kölsch
Wo war ich?
24 Kölsch
Richtig, abstimmen muß ich noch. Hmm, also der beste Song war ganz klar der Titel mit dem Lääve, Laache, Krieche, Danze. Obwohl natürlich »Viva Colonia« von allen das Beste ist, nur das steht gar nicht zur Wahl! Hoffentlich spielen die das trotzdem nochmal.
25 Kölsch
Gott, ich brauche dringend einen Döner!
(Den "offiziellen" Bericht zu "Loss mer singe" findet ihr hier)
Peter Simons ist freier Mitarbeiter bei bonnaparte. Er lebte und studierte selbst lange Zeit in Bonn bevor es ihn via München nach Berlin verschlug. In seiner Schulzeit war er als Journalist für eine Bonner Schülerzeitung tätig, die er auch selbst herausbrachte.
Darüber hinaus veröffentlichte er vor einigen Jahren eines der ersten Bücher zum Thema "Internet" und ist auch als Autor für diverse Internet Magazine tätig. Sehr erfolgreiche Specials auf bonnaparte waren sein Bericht über eine Handschellenparty in München sowie die Karnevals-Entwicklungshilfe in der Hauptstadt.


